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Märchen - Wegbegleiter der Kinder

Geschichten wirken auf die Seele

Foto der Märchenerzählerin Simone Wanzek-Weber vor einem romantischen Bühnen-Sternenhimmel.
Märchen gehen direkt und ohne Umschweife zu Herzen. Dadurch wirken sie besonders bei tief bekümmernden Konflikten manchmal besser als die vernünftigsten Ratschläge

Es gibt viele verschiedene Wegbegleiter für Kinder, die sie in ihrem Vorankommen unterstützen. Da sind Eltern, Lehrer, Erzieher, Oma und Opa, an denen aufschauend sich orientiert wird. Sie vermitteln Liebe, Geborgenheit und Vertrauen.

Es gibt Wegbegleiter, die jeden Tag mit ins Bett genommen werden und in Form von Teddybären, Puppen ... Trost spenden. Auch Bilderbücher und Geschichten helfen mit das Alltägliche, die kleinen und großen Sorgen wiederzuentdecken, zu verarbeiten und aus einer etwas entfernteren Perspektive zu erleben, „dem Jungen in dem Buch, dem geht es ja geradeso wie mir". Bücher und Geschichten lassen Kinder in der Phantasie schon Schritte erüben, zu denen sie oft später dann selbst den Mut finden. Bücher aktivieren tief im Innern. Ein Kind, das Bücher und Geschichten vorgelesen bekommt, erlebt - neben der liebevollen Zuwendung desjenigen, der es liest - auch noch eine enorme Stärkung für seine Persönlichkeit.

 

... nicht überall wo Märchen drauf steht, ist auch Märchen drin!

Eine ganz besonderen Platz nehmen allerdings in der Literatur die Märchen ein. Sie vermitteln auf verschlüsselte Weise Werte wie Mut zur richtigen Tat, Aufrichtigkeit, Treue einem Freund oder Versprechen gegenüber, felsenfesten Optimismus, wenn es auch nicht einfach wird, dass alles gut endet ... Sie sprechen tiefe seelische Ebenen an, die uns als Vorleser meist gar nicht bewusst sind. Da sie jedoch nicht von der "realen" Welt erzählen, die wir intellektuell akzeptieren, werden sie häufig unverstanden abgelehnt oder als grausam zurückgewiesen. In meiner 14-jährigen Arbeit als freie Märchenerzählerin und Puppenspielerin war es mir immer ein Anliegen, Brücken zwischen den Anteilen in uns, die oft aus der Kindheit heraus dem Märchen sehr positiv gegenüber zugewandt sind und dem Anteil, der jetzt Mutter, Vater, Erzieherin ist und intellektuell keinen Zugang zum Sinn des Märchens findet, zu bauen. Wer jedoch mit Märchen seine Kinder bereichern möchte, sollte auch auf die richtige Literatur zurückgreifen. Aber hier beginnt schon ein Problem. Denn nicht überall. wo Märchen drauf  steht, ist auch Märchen drin! Da gibt es in den Regalen „Janoschmärchen", „Neue Märchen. die Kindern helfen" oder „Das Märchen von der grünen Prinzessin mit der Kirschnase". Hierbei handelt es sich jedoch nicht um „echte" Märchen, sondern um Geschichten oder Kunstmärchen wie z. B: auch die Andersonmärchen von der „Schneekönigin“, das „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ oder „Die kleine Meerjungfrau“. Diese haben durchaus im Kindesalter ebenso ihre Berechtigung, jedoch beinhalten sie ganz andere Ziele und pädagogische Werte als die echten Volksmärchen.

Was ist ein echtes Volksmärchen?

Die bekanntesten Vertreter sind hier wohl die Brüder Grimm: Schneewittchen, Rumpelstilzchen, Rapunzel, Hänsel und Gretel, Aschenputtel kommen uns da aus dem Märchenschatz entgegen. Der Trommler, Das singende springende Löweneckerchen, Das Erdmännchen, Die Kristallkugel ... sind aus dem über 200 Märchen umfassenden Gesamtwerk der Brüder Grimm wohl eher die unbekannteren. Gerade diese echten Volksmärchen, die über Jahrhunderte hinweg weitererzählt und von den Brüdern Grimm nicht erfunden, sondern nur gesammelt und aufgeschrieben wurden, stellen mit den größten deutschen Märchenliteraturschatz da. Die tiefe Wirkung der Märchen auf die Seele des Menschen, wie sie zum Beispiel C. G. Jung schon erkannt hat, ist jedoch nur dann verfügbar, wenn die Märchen nicht verfremdet oder abgekürzt sind. Jedes Detail hat seinen richtigen Platz und fügt sich zu einem sinnigen Ganzen zusammen. Deshalb empfehle ich stets die Originaltexte der Brüder Grimm, und nicht „Märchen nach Grimm " zu lesen.

Was aber macht die Märchen in ihrer Wirkung so besonders?

Dazu schrieb der berühmte Psychoanalytiker C.G. Jung: „Das Märchen ist der große Bruder des Traumes.“ C.G. Jung beschreibt, wie die Menschen in sich eine Art Speicher haben, der all das, was wir jemals gedacht, gefühlt, erlebt, gesehen haben, in uns festhält als Erinnerung. Selbst die Erlebnisse, an die wir keine Erinnerung besitzen, etwa wie wir uns im Mutterleib fühlten, wie die Geburt, die ersten Lebensmonate etc. waren. All dies ist in uns gespeichert, aber nicht in Form von logischen Sätzen, sondern in Bildern. In subjektiv gefärbten Erinnerungsaufnahmen. Er nannte diesen Speicher das Unterbewusstsein und stellte fest, dass die Traumbilder in der Nacht aus diesem Unbewussten aufsteigen und in der Seele bewegt werden, durchsucht werden, ob Erlebnisse gespeichert sind, die uns bei dem, was uns zurzeit beunruhigt, helfen könnten. Beim Aufwachen sinken sie wieder ins Unbewusste ab. 80% unserer Erlebnisse verarbeiten wir in der Nacht.

Hätten wir diese Verarbeitungsform nicht, so würden schwere nervliche, psychische Krankheiten auftreten. Jeder weiß nach durchwachten Nächten am Kinderkrankenbett, wie Schlafentzug die Nerven blank legt. Achtzig Prozent, das ist eine Menge und doch beachten wir die verworrenen, scheinbar irrealen und sinnlosen Traumbilder gar nicht. Achtzig Prozent, und C.G. Jung spricht vom Traum als dem „kleinen Bruder" des Märchens? In der Tat schrieb C.G. Jung dem Märchen heilende Kräfte zu und damit steht er nicht allein da. In Indien galten Märchen seit je her als Heilmittel für seelisch entkräftete, entmutigte oder psychisch verwirrte Menschen. Sie wurden zur Meditation, als Heilmittel gegeben. Märchen galten als Götterbotschaften und durften nur unter strengen Auflagen nach vieljähriger Übung im kultischen Schattentheater gezeigt werden. Im Bardentum bedurfte es einer 15-jährigen Ausbildung, um die Erlaubnis zum Märchenerzählen zu erringen. Die Waldorfpädagogik nennt die ersten sieben Jahre der Kinder das Märchenjahrsiebt und schreibt ihm nährende und stärkende Werte für den Charakter zu. In der Homöopathie werden verschiedenen Arzneimitteln bestimmte Märchen zugeordnet. Manch erfahrener Homöopath gibt der Mutter eines kranken Kindes den Tipp, zusätzlich zu den Kügelchen mal öfter z.B. Schneewittchen vorzulesen. Grotesk? Oder steckt tatsächlich etwas dahinter? Ja, wenn wir auf die Märcheninhalte blicken, so stellen wir fest, dass es uns wie mit den Träumen geht: dass all die Dinge, die im Märchen vorkommen, uns irreal und phantastisch erscheinen, mit unserer angeblichen „Realität“ nichts zu tun haben.

Alles was im Märchen vorkommt, ist ein Teil meiner Seele

Alles, was im Märchen vorkommt, ist jedoch, wie im Traum, Symbol. Magisch-mythologische Bildsprache, die erst entschlüsselt werden will, um verstanden zu werden.

So wird davon ausgegangen, dass alles, was im Märchen vorkommt, Teil meines Charakters, meiner Seele ist. Die Quelle, der Brunnen, aus dem getrunken wird, ist in mir und was sie ist, ist sehr unterschiedlich: Für den einen ist es die Natur, die ihm Kraft gibt, für den anderen die Religion, Gespräche mit lieben Menschen oder das Lesen eines guten Buches. Wir tragen hohe ideale Charakteranteile in uns. Den Prinzen, die Prinzessin, den souveränen König, aber auch Neid, Hass, Missgunst, Angst, nicht besser als alle anderen zu sein, ausgedrückt im Bild der Hexe, des machtgierigen Zauberers, Königs, oder etwas Triebhaftes, das verschlingen will - den Wolf.

So spricht das Märchen Urthemen der Menschheit an, die heute genauso aktuell sind wie vor 2000 Jahren. Auch dort kämpfen Menschen darum ihren Charakter zu veredeln, Existenzängste zu überwinden. Sie kamen wie wir in Situationen, in denen ihre Lebensverhältnisse ihnen keine Nahrung zum Wachsen gaben, geistige Nahrung oder seelische Nahrung fehlte. Jede Mutter kann diese Gefühle nachvollziehen, wenn sie mehrere Jahre nur für die Kinder da war. Dann kommt oft Unzufriedenheit auf und sie hat das Gefühl, etwas Neues beginnen zu müssen, wieder andere Menschen kennen zu lernen, in den Beruf neu einzusteigen.

Dieser Zustand wird im Märchen von Hänsel und Gretel in Symbolsprache ausgedrückt. Es gibt kein Brot mehr im Haus, d.h. es gibt keine Entwicklungsmöglichkeiten in diesem Umfeld. Doch wie schwer ist es, diesen  Zustand zu ändern, wir brauchen Mut und Ideen, was uns Nahrung geben könnte. So wollen wir oft die Schritte ins Unbekannte - den finsteren Wald – nicht gehen und anstehende Veränderungen nicht angehen. Auch Hänsel und Gretel wollen nicht in die unbekannte, Angst machende neue Welt. Hier tritt nun die Stiefmutter auf. Das so genannte Böse ist uns sogar ein Helfer, um voranzukommen. Lernen wir nicht am meisten an den Situationen, die uns schwer fallen, oder an den Personen, mit denen wir uns reiben? Haben wir den Mut, die Konflikte mit der Kollegin, mit der wir nicht auskommen, anzusprechen und lösen sie nach Jahren, dann sind auch wir um einen Erfahrungsschatz  reicher geworden. Das Märchen benutzt wiederum die Bildsprache und erzählt uns, wie Hänsel und Gretel im Häuschen der Hexe in Truhen und Kisten Edelsteine und Schätze finden und sich die Taschen voll stopfen.

Angenommen, ein Kind nun hat neben all der Freude auf den bevorstehenden Schuleintritt auch Ängste, die ihm nicht bewusst sind, so sind auch diese Ängste im Unterbewusstsein in Form von Negativbildern gespeichert. Diese beeinflussen das Kind. Es möchte plötzlich wieder bei der Mama schlafen, fällt in Kleinkindverhalten zurück, träumt schlecht. Dem Kind ist dieser Zusammenhang natürlich völlig unbewusst und es erwidert auf Fragen nach der Schule stets, wie sehr es sich darauf freut. Wenn jetzt das Kind „Hänsel und Gretel“ hört, wo es ja auch um das Hinausgehen in eine ungewisse Lebenssituation geht, kann es die negativen Angstbilder langsam verblassen lassen, und an ihre Stelle setzen sich die positiven Märchenbilder, die in Bild-Symbolsprache sagen: „Du, Hänsel und Gretel, die wollten auch nicht weg, und es war auch nicht nur leicht, es ging ihnen fast ans Leben, aber letztendlich haben sie es geschafft und sind reich beladen heimgekommen - und du schaffst es auch!“

Die besondere Wirkung der Märchenbilder auf die Psyche des Kindes

Diese Fähigkeit - heilende positive Kraftbilder ins Unbewusste zu setzen, direkten Zugang zum Unbewussten zu haben, Negativbilder umzupolen - unterscheidet das Märchen von allen Literaturformen, die es gibt. Da es die gleiche Bildsprache wie unser Unbewusstes benutzt, hat das Märchen einen direkten, vom Intellekt nicht verstellbaren Weg und kann dort in unserem Inneren wirken, wo Verletzungen und Ängste abgespeichert sind. Keine Geschichte, mag sie auch pädagogisch noch so sinnvoll sein und andere wichtige Schwerpunkte haben, hat diese phantastische Fähigkeit solche Kraft gebenden Bilder direkt in die Seele zu setzen.

Deshalb ist das Märchen der große Bruder des Traumes. Es will, wie auch die Homöopathie, nicht das Kranke oder seelisch Verletzte wegschafften, sondern „nur" so viel Kraft und Unterstützung geben, wie man braucht, um durch die Krankheit oder die Ängste selbst durchgehen zu können. Vielleicht ist nach diesen Ausführungen verständlich, warum ein Märchen in der Regel positiv enden muss. Das Märchen setzt stets das Ideal, schwierige Situationen zu überwinden, aus Seelennöten sich befreien zu können, vor unsere Seele ins Unbewusste, um von dort aus kräftigend, gesundend zurückzuwirken.

Ungeklärte Situationen tragen wir zur Genüge in uns. Will ein Kind immer wieder das gleiche Märchen hören, dann steckt irgend etwas darin, was genau zu dem passt, was das Kind unbewusst seelisch gerade beschäftigt. Darum ist es wichtig, dieses Märchen, mag es einem auch schon aus den Ohren kommen, immer und immer wieder vorzulesen oder zu erzählen. So lange, bis das Kind nicht mehr mag. Und das kann Wochen dauern. Auch andere Märchen sollten immer mehrmals über einen längeren Zeitraum immer wieder erzählt werden. Kinder gerade im Kinderartenalter haben im Gegensatz zu uns Erwachsenen die Fähigkeit, das Märchen dort wirken zu lassen, wo es hingehört - nämlich im Unbewussten. Ein Kind lässt das Märchen in sich hinein sinken und will/kann es nicht, wie wir, intellektuell erfassen. Wir Erwachsenen haben meist den Zugang zu solchen Seelenbildern verloren und ziehen die Märchenbilder auf die realistische Tagesebene. Wir meinen, sie sind grausam, da wir meinen, es seien historische Ereignisse. Es sind schon Realitäten, jedoch keine Tagesrealitäten, sondern Seelenrealitäten, deren Verstehen uns wie bei unseren Träumen meist verwehrt bleiben. Und doch haben auch wir noch Reste in uns, solche Symbole einfach hinzunehmen und das, was dahinter steht, selbstverständlich zu verstehen. Nämlich in unserem Sprachgebrauch:

(Die Ausführungen in den Klammern zeigen, wie lächerlich es wäre, diese Aussprüche als Realität zu nehmen)

- Ich könnte mir den Kopf abreißen  (der will sich umbringen)

- daran beißt er sich die Zähne aus  (der arme muss dann zum Zahnarzt)

- ich lauf heut schon den ganzen Tag so kopflos herum (wie grausam nicht wahr?)

- Du hast wohl Tomaten auf den Augen?

- Für den leg ich meine Hand ins Feuer ...

- der spinnt wohl  (mit welchem Spinnrad denn?)

- da müssen noch viele Steine aus dem Weg  (lasst gleich den Bagger kommen!) geräumt werden                                                                 

... alles Symbole, Gleichnisse, Bilder.

Der richtige Umgang mit Märchen

Sehr wichtig ist das Alter der Kinder. Grundsätzlich fängt das Märchenalter ab dem Zeitpunkt an, an dem das Kind fähig ist, einem ganzen Märchen zu lauschen  - von Anfang bis Ende. Dies ist so wichtig, da das Märchen, entgegen allen Vorwürfen, gerade keine heile Welt spiegelt, sondern die ganze Seelenpalette des Menschen mit allen Seelenhochs und Seelentiefs aufzeigt. Wenn nun ein Kind mittendrin aus Konzentrationsgründen aussteigt, dann wirken nur die Bilder in ihm, die unerlöst sind, zum Beispiel ist Schneewittchen nach dem Schnüren mit dem Schnürriemen tot. Oder die Brüder im Märchen von der Kristallkugel sind in Tiere verzaubert. Das Kind muss die Erlösung mitbekommen, sonst können Ängste entstehen.

Kann das Kind die Konzentration noch nicht aufbringen, sind die Märchen noch nicht dran. Dann ist noch die Zeit für schöne Geschichten von kleinen Alltäglichkeiten: von der Maus, dem Igel, der Sonne, den Zwergen im Walde, den Wurzelkindern. Bei Märchen gilt: Lieber ein Jahr später als zu früh! Nach meinen Erfahrungen liegt deshalb das Anfangsalter eher bei vier Jahren. Dann, wenn im Kindergarten das Zuhören schon erlernt wurde und die Phase der Phantasieentwicklung beginnt.

Auf die Verwendung der Originaltexte von echten Volksmärchen sollte ebenfalls geachtet werden. Einige Eltern stoßen sich an der fremdartigen Sprache und fragen: „Ist die Sprache denn noch zeitgemäß?“ Diese Frage lässt sich erst dann klären, wenn ich wiederum klar überlege, was das Märchen erzählt, worum es sich bei Märchen handelt. Es wird ja von einer Welt berichtet, die nicht unserer Tagesrealität entspricht, sondern eher dem Nacht-Traum-Bereich des Menschen - dem Unbewussten. Vielleicht lässt sich hier schon nachempfinden, wie passend es ist, eine Sprache zu wählen, die sich von der Alltagssprache abhebt. Die anders ist als diejenige, mit der ich von Sorgen, Freuden, Alltagsrealitäten spreche. Wie schön sind so differenzierte Ausdrücke wie: „Da stand sie vor ihm, im vollen Antlitz ihrer Schönheit“ –

„ ... und ihm ward so Angst, als ob alle Blätter an den Bäumen es anschauten.“ So hebt die Sprache der Brüder Grimm die Märchen schon vom Alltag und von normalen Geschichten ab. Sie erweitert den Sprachwortschatz um viele feine Differenzierungen. Die Sprache allein hilft schon das Märchen dort  zu lassen, wo es hin gehört - in die Seele, ins Herz. „Ja, verstehen die Kinder denn überhaupt das Märchen, wenn so viele fremde Begriffe darin vorkommen?" Nein, sie verstehen es in Form von „kapieren", sie „begreifen" nicht, aber ist das denn wichtig? Wir verstehen  es doch auch nicht, oder? Ich beschäftige mich seit acht Jahren mit Schneewittchen immer und immer wieder, aber ich könnte es nicht ganz deuten. Mit jeder Lebensphase, Themenbereicherung durch andere Menschen kommen Aspekte hinzu. Es ist gar nicht wichtig, ein Märchen zu „begreifen". Es ist nur wichtig es aufzunehmen und da wirken zu lassen, wo es hingehört - nämlich in der Seele. Für uns Erwachsene ist es natürlich spannend zu deuten, ein Märchen auseinander zu nehmen, aber die Wirkung im tiefen Seelischen ist davon  nicht abhängig. Im Gegenteil, wenn ich einem 5-Jährigen erzähle, dass das ja nur die Hexe in ihm ist, bekommt er eher einen Schock und ruft: „Mama, hol die Hexe aus mir raus, pfui!!" Deutungen sind stets nur für Erwachsene gedacht, nie für Kinder.

Märchen und Medien vertragen sich schlecht!

Je mehr ein Märchen in Form von detaillierten Bildern wie im Fernsehen, ausführlich gezeichneten Bilderbüchern mit süßlichen, ironischen Zeichnungen dargestellt wird, desto weniger kann die tiefe Wirkung sich entfalten. Das Märchen wird zur flachen und dann tatsächlich grausamen Geschichte, da sich die eigene Seele nicht mehr die eigenen Bilder machen kann, die zu ihr passen, sondern fertige feste Bilder eingetrichtert bekommt. Und Kassetten? Gute Kassetten im Märchenbereich sind wie eine Nadel im Heuhaufen zu suchen. 90% aller Märchenkassetten auf dem Markt sind nicht geeignet, da sie das Märchen nicht in seiner Originalfassung wiedergeben. Die Produzenten und Sprecher meinen, das Märchen wäre nichts anderes als eine Geschichte wie Benjamin Blümchen, Pumuckel usw. So wird wild verändert, was ihnen nicht gefällt, weggelassen, was zu langweilig erscheint. Ohne böse Absicht machen sie die heilenden Bilder kaputt, stören den perfekten Aufbau, der in einer Märchendeutung genau nachzuvollziehen ist. Besonders gern werden die so genannten grausamen Stellen abgeändert. Jedoch erreichen die Sprecher genau das Gegenteil von dem, was beabsichtigt wurde. Da wir z. B. im Zeitalter des Tierschutzes sind, wird der Wolf in Rotkäppchen nicht getötet, sondern er läuft in den Wald nebenan. Rein äußerlich scheint dies eine gute Lösung. Wenn wir jedoch das Märchen richtig verstehen, stellt der Wolf als Urbild dasjenige dar, was uns verschlingen will. Wer kennt solche Seelenzustände nicht? Wir werden erdrückt, zum Beispiel von finanziellen Sorgen, es droht uns die Arbeit über den Kopf zu wachsen, wir sehen nur noch einen riesigen Berg vor uns. Jeder kennt in seinem Leben diesen Zustand von etwas, das uns innerlich überfordert, zu verschlingen bedroht. Das Märchen möchte uns hier durch die Symbolbilder, in die Seele, einen Gegenpol setzen, der in solchen Situationen uns Mut macht weiterzugehen. Es will das Idealbild vor uns hinsetzen d. h. diesen Zustand ganz überwunden zu haben. Hört das Kind nun, dass der Wolf oder übertragen auf alle Märchen das Böse nicht endgültig besiegt ist, sondern im Wald nebenan wohnt, also noch lebt, dann ist das Märchen nun grausam gemacht worden. Die Seele speichert das Bild: ja, das Böse kann jederzeit wiederkommen und mich wieder verschlucken. Es lohnt sich vor dem Kauf einer Kassette hinein zu hören und nur eine oder zwei Kassetten zu besitzen, als das Zimmer voller schlechter Aufnahmen zu haben, die viel mehr kaputt machen als pädagogisch zu nutzen.

Vorsicht auch mit akustischen Effekten: Wir selbst können beim Vorlesen oder Erzählen beobachten, wie leicht es fällt, gerade das Böse, den Wolf, die Hexe, den wütenden König deftiger stimmlich herauszuheben. Dies spiegelt sich auch auf den Kassetten wieder. Gerade diese Teile sind stark akustisch untermalt. Die Tür knarrt, wenn der Wolf herein springt, das Hecheln des Wolfes ist zu hören und das Schmatzen, wenn er die Geißlein frisst. Was  für Schulkinder (ab 8/9 Jahre)  spannend ist, ist für Kindergartenkinder oft eine Angst machende Überforderung. Sie selbst könnten sich diese Szenen nicht so grausam vorstellen, wie sie die Töne vermitteln. Wie einfach ist für uns die Wirkung der Töne nachvollziehbar, wenn wir am Fernseher bei einem Gruselfilm den Ton abstellen. Töne schüren immer Emotionen. So haben Kinder nicht vor dem Märchen Angst, sondern vor der Stimme, die es erzählt. Am besten sind Aufnahmen geeignet, die das Märchen nur schön erzählen, mit Harfe, Glockenspiel ... zarte Töne, die schönen Aspekte wie Hochzeit, Freude ... untermalen. Es kann auch schön sein, eine Kassette mit Kindern zusammen aufzunehmen und diese mit leichter Musik (Flöte, Glockenspiel, Glöckchen, Klangschalen) zu untermalen. So bleibt als beste Form die des Vorlesens oder Erzählens, vorausgesetzt ich habe die Fähigkeit im freien Erzählen auch alle wesentlichen Teile ohne große Eigeninterpretation wiederzugeben. Aus dem Schneewittchenapfel sollte keine Birne werden oder Frau Holle im Schloss statt im kleinen Häuschen wohnen.

Und zum Schluss noch ein Geheimnis!

Alles was hier über die Wirkung der Märchen auf die Kinderseele gesagt wurde, gilt auch für die Erwachsenenseele. Probieren sie es selbst aus und lesen an Tagen, an denen es Ihnen schwer ums Herz ist, vor dem Schlafengehen ein Märchen. Aber bitte ein „echtes". Jeder gute Buchladen kann Sie beim Kauf beraten.

Simone Wanzek-Weber
Märchenerzählerin und Puppenspielerin

© Kneipp-Bund e.V.

 
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