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Jorinde und Joringel

Foto von zwei Märchenpuppen aus Filz und Stoff
Sie leben in dir und in mir, und wenn sie nicht gestorben sind ...

Es war einmal ... 

Wenn ich so beginne, dann denkt jeder: Jetzt erzählt er ein Märchen. Und wenn ich später sage: „Und wenn sie nicht gestorben sind“, dann kommt wie aus einem Mund – ähnlich dem „Ja!“ nach dem „Seid ihr alle da?“ beim Kasperletheater: „dann leben sie noch heute!“

Warum eigentlich sage ich denn: „Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“?

Rein realistisch ist so ein Hänsel schon längst nicht mehr am Leben, auch ein Dornröschen nicht, keine sieben Zwerge und auch kein Wolf, der auf sieben Geißlein steht. In der Märchenerzählung bleiben sie zeitlos jung oder alt. Sie durchlaufen mit mir als Leser oder Erzähler eine gewisse Zeitspanne, aber die Frage nach dem Nachher, dem Weitergang oder dem Älterwerden stellt sich nie. Es ist so und es wird immer so sein.

„Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!“ Zeitlos sind die Figuren im Märchen, gleich gültig gestern oder heute oder morgen. Das Märchen will sagen: Durch alle Zeiten hindurch, auch heute, leben sie. Sie leben in dir und in mir, sie leben in dem Menschen, der mir zum ersten Mal über den Weg läuft oder in dem, den ich noch gar nicht kenne. Das verbindet uns: Wir alle tragen in uns das Wesen der Märchenfiguren. Ein Beispiel?

Wie geht Leben?

Da ist eine Tochter mit ihrer Mutter: Es geht um Bevorzugung. Da ist die Stieftochter: Es geht um Benachteiligung, um Ausnutzung. Da ist ein Brunnen: Es geht um Tiefgang, um das Hinabsteigen zu den eigenen Lebensquellen. Da ist ein Baum, ein Ofen, ein Haus: Es geht um das Wahrnehmen, das Tun einer Aufgabe, weil da ein An-Spruch ist und eine Ant-Wort und eine Ver-Ant-Wortung. Da ist eine alte Frau: Es geht um Belohnung und Rückgabe von Verlorenem, usw. Da ist das Märchen von der Frau Holle oder, wie manche lieber sagen, von Goldmarie und Pechmarie: Es geht letztlich um die Frage „Wie geht Leben?“

Um diese Frage kreisen die Gedanken der Menschen oft. Auch ich denke mir „Wie geht Leben?“ Und da bieten die Märchen Urbilder an, Symbolbilder von unbeschreiblich dichter Art, die jeden, der aufmerksam ist, angehen:

Ein Wald als Ort der Verwirrung, des „im Wald Stehens“, der Aufforderung: „Nun holze doch endlich einmal aus!“ – Ein Schloss mit einer Erzzauberin als Bild für das umgekehrt Königliche, für das Nicht-Königliche, für das Gegenteil von Gutsein, von Königsein, als Bild für die schlechte Macht. – Ein Liebespaar als Symbol für Einheit, Zusammengehören, aber doch nicht tiefgründig, der Mann ist nur zu sehr auf Turtelei und Eigennutz bedacht. – Ein Verzaubern, ein Gefangensein, ein unerhörtes Flehen und Weinen, ein langes Suchen und schließlich Träumen, eine blutrote Blume für die Erlösung, ein mutiges Erlösen aus der Gefangenschaft und ein Ausschalten der verkehrten Zaubermacht. Und schließlich: „Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch!“

Was uns unbedingt angeht

Wie religiös ist doch der Inhalt des Märchens „Jorinde und Joringel“, das von den Gebrüdern Grimm aufgesammelt und in ihrem bekannten Märchenbuch steht. „Religiös“, und damit meine ich, mit Paul Tillich gesprochen, „alles, was uns unbedingt angeht!“ Die Frage nach den Mächten, die uns nicht leben lassen, die uns das Leben schwer machen, die uns in eine andere Gestalt verzaubern wollen, gehen uns unbedingt, gewiss, bestimmt, absolut, „ohne Gnade“ an. Die Frage nach der Erlösung „von dem Bösen“, von Übel, Leid und Not geht uns unbedingt an. Beide Fragen sind zutiefst religiös und stellen sich uns auf unserem Lebensweg immer wieder. Von daher kann ich wieder sagen: „leben sie heute noch!“

In Märchen und auch in biblischen Erzählungen tauchen diese elementar bedeutsamen Lebensfragen auf. Märchen erlangen auf diese Weise in einer religionspädagogischen Betrachtung von Bibelstellen Bedeutung. Das möchte ich mit einem Beispiel aufzeigen.

Im Spiel den Boden bereiten – Ein Praxisbeispiel

Ich stelle mir vor: Da sind einige Kinder, denen ich ein Märchen erzählen will. Ich mache sie mit Inhalten des Märchens vertraut, so dass der Boden dafür bereitet ist und das Hören Anhaltspunkte hat.

Nebenbei bemerkt: Es gibt – für Kinder – nicht nur die gesprochene Sprache, die es ermöglicht, gewisse Inhalte auszudrücken. Es gibt daneben auch die Leibsprache, bei der der Körper spricht, indem er etwas tut oder darstellt. Es gibt weiterhin die Sprache des Bildes oder des Gegenstandes, die zum Ausdruck bringt, wovon wir sprechen und was wir zeigen. Und schließlich bedienen wir Menschen uns der gespielten Melodie, des Gesangs, um in einfacher und verdichteter Weise etwas auszusagen.

Mit dieser musikalischen Sprache fange ich auch an: Ich habe da ein Glockenspiel und spiele darauf die Melodie von „Meister Jakob, schläfst du noch“. Kennt das jemand? Ich singe darauf die Worte: „Alle Kinder, alle Kinder, sind jetzt da, sind jetzt da. Alle, alle Kinder, alle, alle Kinder, sind jetzt da, sind jetzt da!“ Ich glaube, die Kinder singen sehr schnell mit ...

Wer versteinert ist, steht still

Dann machen wir uns ein Spiel daraus. Ich sage: „Kinder, ich singe euch diese Lied immer wieder vor und ihr geht dazu durch das Zimmer. Wenn ich plötzlich zu singen aufhöre, dann bleibt ihr stehen – wie versteinert. Beginne ich wieder zu singen, dann geht es weiter!“ Die Kinder haben eine Freude, mitten aus der Bewegung heraus in einen Stillstand zu kommen, der zwar wacklig und unsicher ist, aber das macht nichts: Das ist ja gerade das Lustige!

Warum ich diese Spiellied mache? Weil im Märchen von „Jorinde und Joringel“ eine Erzzauberin vorkommt, die in einem Schloss wohnt. Um das Schloss hat sie einen Bannkreis errichtet: „Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloss nahe kam, so musste er stillestehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen“. Von Joringel heißt es später: „Joringel konnte sich nicht regen.- er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen.“ Aber im Märchen wird später auch davon gesprochen, dass dieser Bann auch brechen kann.

Erlösung ist möglich

Darum spiele ich mit den Kindern gleich weiter: Ein Kind soll ein Zuschauer sein, ein anderes der „Versteinerer“, der durch die Berührung seiner Hand jemanden aus der Bewegung in eine Versteinerung bannt (vielleicht will sich das Kind kenntlich machen durch einen Umhang, einer Armbinde oder ähnlichem). Alle anderen Kinder gehen im Zimmer herum, bis alle, nach mehr oder weniger starken Ausreißversuchen, wie versteinert stehen. Nun tritt der Zuschauer in Aktion: Er ist der „Löser“, der durch eine Berührung seiner Hand löst, erlöst. Wer erlöst wurde, geht wieder kreuz und quer durch das Zimmer. Eventuell kann ein Ton auf einem Becken oder einer Trommel gut den Anfang und den Schluss des Spieles markieren. Was denken die Kinder über dieses Spiel, was haben sie empfunden?

So wird in Körpersprache ein ganz zentraler Inhalt des Märchens, wie auch der christlichen Religion, sichtbar: Es gibt eine Erlösung, Erlösung ist möglich!

Ich glaube, dass diese Erkenntnis das Erzählen bestimmen, gewissermaßen den Grundton der Erzählung bilden sollte. Dann brauche ich keine dramatisierende oder spektakuläre Erzählweise, dann wird das Herbeilocken, Schlachten, Kochen und Braten der Waldtiere und Vögel durch die Erzzauberin im Erzählen nicht übermächtig, noch ihre Gestalt („alte krumme Frau (...), gelb und mager: große rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte“), auch nicht die vorerst hoffnungslose Lage Joringels, als ihm seine Jorinde entzogen und weggenommen wurde („Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. ‚Uu, was soll mir geschehen?’“).

Märchenerzählung und biblischer Botschaft ergänzen sich

Erlösung ist möglich! Im Leben der Gebrüder Grimm spielte die Bibel eine große Rolle. Sie waren aufgrund ihrer Herkunftsfamilie christlich geprägt. Für mich zeigt das, dass die Zusammenschauen von Märchen und Bibel für den Menschen gut und sinnvoll sein kann. Schaue ich zum Beispiel nur an den Anfang des Markusevangeliums, so finde ich einen Jesus, von dem erzählt wird: „und er ging zu ihr, fasst sie an der Hand und richtete sie auf.“ (1, 31), „Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will es – werde rein!“ (1, 41), „Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause!“ (2, 11). Erlösung ist möglich: Da ist eine bettlägrige Frau, da ist ein aussätziger Mann, da ist ein Gelähmter. Nehme ich diese Zustandsbeschreibungen dieser Menschen als Bild, dann entdecke ich etwas an mir und an anderen Menschen: Das Unheil ist, weil ich nicht mehr auf die Beine komme; weil ich etwas an mir habe, das mich nicht salonfähig und menschennah macht; weil ich mich als lahm, als handlungsunfähig ansehe. Erlösung ist aber möglich! Es ist sehr aufschlussreich, einmal aus diesem Blickwinkel heraus die Erlösungserzählungen des Neuen Testamentes mit Kindern zu betrachten. 

Endlich träumte er von einer blutrote Blume

Aber kommen wir wieder zu unserem Märchen zurück. Da steht von Joringel geschrieben: „Endlich träumte er einmal des Nachts, er fände eine blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war. Die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse: alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wiederbekommen.“ Ich habe immer noch meine Kinder vor mir. Wir können eine blutrote Blume anschauen, eine Rose, vielleicht eine Nelke oder eine Tulpe. Woran erinnert uns die Farbe „Rot“? Warum ist eine Blume für Menschen wichtig? Wann „brauchen“ wir sie? Was können wir über sie erzählen? Wie berühren wir sie? Wie berührt sie uns? Mit welchen Worten könnte sie mich ansprechen? Welche Worte könnten wir sie sprechen lassen? Finden wir Blumenbilder oder können wir selbst welche gestalten?

Ich habe mir eine blutrote Rose gekauft. Schön ist sie. Ich gehe mit ihr, trage sie, gehe mit ihr um – oder geht die Rose mit mir um? Ich berühre sanft die Haut der Kinder an einer Stelle, an der Hand, am Arm, an der Wange ... Ich spreche mit den Kindern über Berührungen, die gut tun, die es wieder gut werden lassen, die so gut sind, dass sie wie eine Erlösung vorkommen, die Dunkles, Trauriges, Hartes, Schweres lösen können.

Um dies halbwegs erfahrbar werden zu lassen, bitte ich die Kinder nach Körperhaltungen zu suchen, die Gefangensein, Kummer, Not, Traurigkeit, etc. ausdrücken. Wie spüre ich in dieser Lage die Berührung mit der zarten Rosenknospe? Nehme ich wahr, wie sie zu mir spricht: „Ich bin einmalig. Ich bin schön. Ich bin ganz zart. Ich habe dich gern. Ich mag dich. Ich darf Dornen haben. Ich bin für dich da ...“?

Oftmals fällt es uns Menschen leichter, über oder mit einem Gegenstand eine Berührung zu schenken oder zu empfangen. Manchmal gelingt aber auch eine heilsame Berührung mit unseren Händen.

Dieser eine Aspekt von Lösung, Erlösung, Heilsein soll uns genügen. Er bringt eine ganz wesentliche Sehnsucht in uns zum Ausdruck. Der „Shalom“, der Friede, möchte mehr sein als „nicht Krieg“. Er meint Ganzsein, Heilsein, Rundsein, Stimmigsein, Gutsein. Wenn Märchen und biblische Erzählungen das andeuten und hervorbringen können, dann sind sie wirklich dem Leben dienlich, Lebensmittel sozusagen.

Apropos: Der Traum hat auch in biblischen Erzählungen große Bedeutung. Es würde sich lohnen, in einer Bibelkonkordanz einmal nach Traum-Lösungs-Geschichten zu suchen ...

Wie geht es weiter? Bevor ich das Märchen dann erzähle, gestalte ich mit Kindern den Ort des Geschehens. Wie sieht das Schloss wohl aus? Wie der Wald? Wie eng mag der Korb, in dem Jorinde als Nachtigall eingesperrt war, gewesen sein? Vielleicht müssen wir auch einen „dicken“ Wald (mit Verirren und den Weg finden) und einen engen Korb (mit Gefangensein und befreit werden) miteinander spielen ... Ach ja, man kommt wahrscheinlich an kein Ende! Aber wenn die Kinder in der Bildsprache mit ihrem Beitrag vorkommen, wenn sie mit am großen Bild des Märchens gestaltet haben, dann kann das Märchen kommen und sich darstellen als Hoffnungserzählung. Denn: Erlösung ist möglich.

Autor: Thomas Brunnhuber, Diplom-Religionspädagoge (FH), Fachberater für Religionspädagogik in KiTas)

© Kneipp-Bund e.V.

Das Märchen der Gebrüder Grimm:
Jorinde und Joringel

Es war einmal ein altes Schloss mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbeilocken, und dann schlachtete sie, kochte und briet es. Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloss nahe kam, so musste er stillestehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn los sprach; wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel und sperrte sie dann in einen Korb ein und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl siebentausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.

Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde; sie war schöner als alle andere Mädchen. Die und dann ein gar schöner Jüngling namens Joringel hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen, und sie hatten ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun einsmalen vertraut zusammen reden könnten, gingen sie in den Wald spazieren. „Hüte dich“, sagte Joringel, „dass du nicht so nahe ans Schloss kommst.“ Es war ein schöner Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün des Waldes, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.

Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin im Sonnenschein und klagte: Joringel klagte auch. Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen; sie sahen sich um, waren irre und wussten nicht, wohin sie nach Hause gehen sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg, und halb war sie unter. Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei sich; er erschrak und wurde todbang. Jorinde sang: „Mein Vöglein mit dem Ringlein rot singt Leide, Leide, Leide: es singt dem Täubelein seinen Tod, singt Leide, Lei - zicküth, zicküth, zicküth.“

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang zicküth, zicküth. Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal schu, hu, hu, hu. Joringel konnte sich nicht regen. Er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter; die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager: große rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fing die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich kam das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme: „Grüß dich, Zachiel, wenn's Möndel ins Körbel scheint, bind lose Zachiel, zu guter Stund.“ Da wurde Joringel los. Er fiel vor dem Weib auf die Knie und bat, sie möchte ihm seine Jorinde wiedergeben, aber sie sagte, er sollte sie nie wiederhaben, und ging fort. Er rief, er weinte, er jammerte, aber alles umsonst. „Uu, was soll mir geschehen?“ Joringel ging fort und kam endlich in ein fremdes Dorf; da hütete er die Schafe lange Zeit. Oft ging er rund um das Schloss herum, aber nicht zu nahe dabei. Endlich träumte er einmal des Nachts, er fände eine blutrote Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war. Die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse: alles, was er mit der Blume berührte, ward von der Zauberei frei; auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch wiederbekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an, durch Berg und Tal zu suchen, ob er eine solche Blume fände; er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die blutrote Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Tautropfe, so groß wie die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloss. Wie er auf hundert Schritt nahe bis zum Schloss kam, da ward er nicht fest, sondern ging fort bis ans Tor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume, und sie sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte, wo er die vielen Vögel vernähme; endlich hörte er's. Er ging und fand den Saal, darauf war die Zauberin und fütterte die Vögel in den siebentausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös, sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie und ging, besah die Körbe mit den Vögeln; da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wieder finden? Indem er so zusah, [merkte er,] dass die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel wegnahm und damit nach der Türe ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen mit der Blume und auch das alte Weib- nun konnte sie nichts mehr zaubern, und Jorinde stand da, hatte ihn um den Hals gefasst, so schön, wie sie ehemals war. Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen, und da ging er mit seiner Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt zusammen.

 
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