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Kinderlebensmittel

Quarkbrot, von Kinderhand zubereitet
Etwas selbst Gemachtes ist oft schöner als etwas Gekauftes - der Beweis: dieses Kunstwerk von einem Quarkbrot.

Kinderlebensmittel – näher betrachtet

Lebensmittelfirmen locken ihre kleinen Kunden mit Stickern, Sammelfiguren, kleinen Portionen oder einer lustigen bunten Verpackung. Der Hinweis auf „gesunde“ Zutaten wie Milch, Honig, Nüsse sowie die Anreicherung mit Vitaminen und Mineralstoffen soll Eltern vom Kauf überzeugen. Die Hersteller vermarkten ihre Produkte so positiv, dass Eltern glauben, sie seien für ihre Kinder besonders gut. Doch sind sie das wirklich?

Das Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) in Dortmund hat Kinderlebensmittel bewertet: ein Großteil der Produkte sind als Süßigkeiten einzustufen und für eine ausgewogene Kinderernährung überflüssig. 

Geschickte Werbestrategien

„Das will ich haben“ Timo zeigt auf ein „Jogurt mit „Müslianteilen“ (Cerealien)“, eine lustige Comicfigur lacht ihn an. Lange schon haben Marktstrategen Kinder als wichtige Zielgruppe entdeckt. Ihre geschickte Werbung erreicht Kinder in deren Erlebniswelt. Die Werbung bedient sich der aktuellen Medienhelden, bekannten Comicfiguren wie Mickey Mouse oder Pumuckel und entspricht dem kindlichen Auffassungsvermögen. Nicht nur die bunte Verpackung, sondern vor allem das beigefügte Spielzeug sowie die Aufkleber zum Sammeln, regen zum Kauf an. Eltern vermittelt die Werbung, dass spezielle Lebensmittel für Kinder gesund und auf den kindlichen Bedarf zugeschnitten sind. Zu diesem Zweck reichern die Hersteller ihre Produkte mit Mineralstoffen, allen voran mit Calcium und Vitaminen an. Durch diese vermeintlich gesundheitlichen Vorteile werden Eltern zum Kauf veranlasst.

Das intensive Bemühen um Kinder zahlt sich für die Industrie aus. Kinder beeinflussen entscheidend das Einkaufsverhalten der Eltern. Die Kids bestimmen bis zu 80 Prozent, welche Cornflakes, Nuss-Nougat-Creme oder Schokolade in einem Haushalt gekauft werden.

Was sind Kinderlebensmittel?

Eine allgemein verbindliche, lebensmittelrechtliche Definition von Kinderlebensmitteln gibt es derzeit nicht. Als Kinderlebensmittel werden Produkte für Kinder ab drei Jahren bezeichnet, die typische Essens- und Geschmacksvorlieben der Kinder ansprechen. Charakteristisch sind spezielle Aufmachungen der Verpackung, die Verwendung der Begriffe „Kinder“, „Kids“ oder „Junior“ sowie die kindgerechten Portionen. Da rechtliche Grundlagen fehlen, müssen Kinderlebensmittel nicht an den kindlichen Nährstoffbedarf angepasst sein. Die Angabe „deckt xy%“ an bestimmten Nährstoffen, bezieht sich in der Regel übrigens auf den Bedarf von Erwachsenen, nicht von Kindern.

Was wird angeboten?  

Die Angebotspalette an Kinderlebensmitteln umfasst mittlerweile alle Produktgruppen: Milchprodukte, Frühstückscerealien, Süßigkeiten, Brotbeläge, Getränke und Fertiggerichte.

Ein kleiner Streifzug durch Produkte soll auf verschiedene Punkte aufmerksam machen. 

Milchprodukte:

In kindgerechten Portionen werden Joghurt-, Frischkäse- oder Quarkzubereitungen, Milchmischgetränke sowie verschiedene Puddings angeboten. Allen gemeinsam ist der hohe Zuckerzusatz, der bei 12 bis 18 Gramm Zucker pro 100 Gramm liegen kann.

Anstelle von Jogurt finden wir häufig Frischkäsezubereitungen. Frischkäse enthält im Vergleich zu Jogurt (3,5 Prozent Fett) die zweifache Menge an Fett, aber weniger Calcium. Auch wenn mit Calcium angereichert wird, liefern einige Produkte nicht mehr Calcium, als natürlicherweise in Joghurt enthalten ist, nämlich 120 mg/100 g. Aber auch Joghurt wird für Kinder noch mit Calcium angereichert, außerdem häufig mit Vitamin B2 und B12. Hier zeigt sich eine Praxis, die auch bei anderen Kinderlebensmitteln angewandt wird: Lebensmittel werden gerade mit den Nährstoffen angereichert, die bereits natürlicherweise in größeren Mengen enthalten sind.

Der Fruchtanteil ist mit etwa 6 Prozent nicht hoch und entspricht etwa einer Erdbeere. Für den „fruchtigen“ Geschmack sind Aromastoffe verantwortlich. Auch mit anderen Zusatzstoffen wird nicht gespart: Farbstoffe, Verdickungs- und Geliermittel, Emulgatoren, Stabilisatoren oder Säuerungsregulatoren sind auf der Zutatenliste zu finden.

Ein selbst zubereitetes Fruchtjogurt kommt mit wenigen Zutaten aus, wie Naturjogurt, Früchte und je nach Geschmack ein Süßungsmittel.

Auch Käse für Kinder gibt es. Meist in Form von Schmelzkäse, der wegen seiner Art der Produktion und der Zusatzstoffe (Schmelzsalze) für Kinder wenig geeignet ist.

Frühstückscerealien:

Als „gesunde Getreidekost“ mit „Vitaminen, Calcium und Eisen“ bezeichnen Firmen ihre „Frühstückscerealien“. Das Angebot an Snacks, Pops, Ringen und Flakes ist groß, das Herstellungsverfahren aufwendig. Größtenteils handelt es sich um Extruderprodukte. Mehl aus Weizen, Reis, Hafer oder Mais wird zusammen mit anderen Zutaten (Zucker, Salz, Malz) vermischt, anschließend mittels Druck, und Hitze im sog. Extruder zu einer zähflüssigen Masse verwandelt und durch Düsen ausgepresst. Dabei entstehen beliebig geformte Produkte, die anschließend noch weiter verarbeitet werden. Zusätze wie Honig, Schokolade, Fruchtauszüge, Aromen, Vitamine und Mineralstoffe dürfen natürlich nicht fehlen.

Mit „gesunder Getreidekost“ haben diese Knuspergetreide wenig gemeinsam. Meist wird nur der Mehlkörper der Getreide verwendet, die nährstoff- und ballaststoffreichen Randschichten oder der Keimling dagegen abgetrennt. Zu einem zusätzlichen Nährstoffverlust kommt es durch die hohen Temperaturen im Extruder. Für die Industrie kein Problem. Die auf der Strecke gebliebenen Vitamine und Mineralstoffe werden künstlich zugesetzt. Die „Nährwertinformation“ auf der Packung listet sie alle auf. Bis zu 11 verschiedene Vitamine (hauptsächlich B-Vitamine) und Mineralstoffe (einschließlich Eisen) werden ergänzt.

Negativ ist der hohe Zuckeranteil zu beurteilen, der bis zu 19 Gramm pro Portion (30 Gramm) betragen kann.

Fazit:

Diese Frühstückscerealien liefern hauptsächlich Stärke und Zucker, aber wenig Ballaststoffe. Eine Kombination, die zwar schnelle, aber keine lang anhaltende Energie liefert. Kein idealer Start für Kinder, die bereits kurze Zeit nach dem Frühstück mit Hungergefühlen und Konzentrationsstörungen in der Schule sitzen.

 

Süßwaren:

Zu dieser Produktgruppe zählen Milchcreme-Schnitten, Schokoriegel, gefüllte Kleinkuchen, Kekse, Schokolade, Bonbons, Fruchtgummis und Kekse. Allen gemeinsam ist der hohe Zuckeranteil und abgesehen von Bonbons und Fruchtgummis ein hoher Fettgehalt.

Auf der Verpackung wird mit „wertvollen“ Zutaten wie Milch, Honig, Nüssen oder pflanzlichen Fetten geworben. Ein Blick auf die Zutatenliste bringt die Ernüchterung. In einigen Snacks ist kein Tropfen Vollmilch, sondern lediglich Magermilchpulver, Süßmolkenpulver oder gezuckerte Kondensmilch enthalten. In der bekanntesten Milchcreme-Schnitte entspricht der Milchanteil gerade einem Esslöffel. Als Süßungsmittel dient vorrangig Zucker, auch wenn der Honigtopf abgebildet ist.

Besonders ungünstig sind die eingesetzten „pflanzlichen Fette“, zu bewerten. Hier werden hauptsächlich Kokos- oder Palmkernfette verwendet, die gesättigte Fettsäuren enthalten und teilweise noch gehärtet sind. 

Mit Vitaminen angereicherte Bonbons oder Fruchtgummis enthalten in erster Linie Zucker, Farbstoffe und Aromen. Trotzdem soll der Eindruck entstehen, sie könnten einen wesentlichen Beitrag zur Nährstoffversorgung des Kindes leisten. Einige Fruchtgummis sind so hoch mit B-Vitaminen angereichert, dass ein halbe Packung (100 Gramm) bereits 100 Prozent des Tagesbedarfs abdeckt. Da drücken manche Eltern ein Auge zu, wenn ihre Kinder etwas mehr davon essen. Doch Eltern sollte bewusst sein, dass es sich um reine Süßigkeiten handelt, die durch Vitaminzusätze nicht wertvoller werden. 

Brotaufstriche:

„Mit dem Besten aus 1/3 Liter entrahmter Milch“ verspricht eine Nuss-Nougat-Creme. Wie bei den Schnitten ist keine Vollmilch, sondern lediglich Magermilchpulver verarbeitet. Mengenmäßig überwiegen die Zutaten Fett und Zucker. Zwei Teelöffel liefern 6 Gramm Fett und 10 Gramm Zucker. Gemäß ihrer Zusammensetzung sind diese Brotaufstriche wie Süßigkeiten einzustufen.

Getränke:

Hier reicht die Palette von Kindercola, Kindereistee über Multivitaminsäfte, Fruchtsaftgetränke bis zu Kakaogetränken aus Instantpulver. Fast alle sind mit Vitaminen (Vitamine A, C, E) angereichert. Der Zuckeranteil ist bei  Fruchtsaftgetränken sehr hoch und kann bis zu 100 Gramm pro Liter betragen, der eigentliche Fruchtanteil liegt nur bei 15 bis 30 Prozent, je nach Obstsorte.

Besonders süß ist Instantkakao mit 80 Prozent Zucker. Laut Zubereitungsanleitung sollen 15 Gramm Kakao mit 150 Milliliter Milch angerührt werden. Diese Menge liefert 13,5 Gramm Zucker. Ein Hersteller von Instantkakao wirbt mit „40 % weniger Zucker“. Die Industrie versteht unter Zucker nur Saccharose, also Haushaltszucker. Bei diesem Produkt ist ein Teil der Saccharose durch Maltodextrin ausgetauscht worden. Maltodextrin besteht aus 4-5 Traubenzuckermolekülen, schmeckt nur schwach süß, liefert allerdings gleichviel Kalorien wie Haushaltszucker. Fazit: kein Vorteil, auch wenn Mütter beruhigt sind, weil das Getränk weniger süß schmeckt.

Bedenklich ist der Einsatz von künstlichen Süßstoffen in Kinder-Limonaden. Wie sich regelmäßig zugeführte Süßstoffmengen gesundheitlich bei Kindern auswirken, ist nicht bekannt. Abgesehen davon sind mit Süßstoff gesüßte Getränke auch aus ernährungspädagogischen Gründen abzulehnen, da sie das Verlangen der Kinder nach Süßem steigern.

Fertiggerichte:

Das Angebot umfasst Nudelgerichte mit Tomatensoße, Suppen mit figürlichen Nudeleinlagen oder Pizzen. In der Zusammensetzung unterscheiden sie sich kaum von herkömmlichen Fertiggerichten. Lediglich die Aufmachung sowie die Anreicherung mit Vitaminen und Mineralstoffen zeichnen sie als Kinderlebensmittel aus. 

Wie sind Kinderlebensmittel zu bewerten?

Ø      Bei einem Großteil der Kinderlebensmittel handelt es sich um Süßigkeiten.

Ø      Kinderlebensmittel enthalten häufig zu viel Fett und Zucker. Aufgrund dieser Nährstoffzusammensetzung sind sie als Frühstück oder „gesunde“ Zwischenmahlzeit nicht geeignet.

Ø      Werden Kinderlebensmittel regelmäßig in den Speiseplan eingebaut, besteht die Gefahr, dass eine gesunde, ausgewogene Ernährung vernachlässigt und die Entstehung von Karies und Übergewicht begünstigt wird.

Ø      Kinderlebensmittel sind teilweise stark bearbeitet. Der Anteil an Zusatzstoffen wie Emulgatoren, Farbstoffen, Verdickungs- und Geliermitteln oder Aromen ist in Kinderlebensmittel teilweise höher als in vergleichbaren herkömmlichen Lebensmitteln.

Ø      Einige Produkte fallen wegen ihres hohen Fettgehaltes auf. Häufig werden Kokosfette mit einem hohen Anteil an gesättigten Fettsäuren eingesetzt, die teilweise gehärtet sind. Bei der partiellen Härtung von Fetten entstehen Transfettsäuren, die sich ebenso wie einige ungesättigte Fettsäuren ungünstig auf die Zusammensetzung der Blutfette auswirken können. Aus präventivmedizinischer Sicht ist der hohe Anteil gehärteter Pflanzenfette in der Kinderernährung negativ zu beurteilen.

Ø      Kritisch ist auch die Nährstoffanreicherung von Kinderlebensmittel zu bewerten. Wie das Forschungsinstitut für Kinderernährung ermittelt hat, erfolgt der Zusatz von Nährstoffen ohne ein bestimmtes ernährungsphysiologisches Konzept. Untersuchungen haben gezeigt, dass die zugesetzten Mengen an Nährstoffen tatsächlich wesentlich höher sind, wie auf der Packung angegeben. Damit möchten die Firmen eine ausreichende Konzentration an empfindlichen Vitaminen auch am Ende des Haltbarkeitsdatums sichern. Kinder, die täglich Frühstück, Zwischenmahlzeiten und Getränke vorwiegend mit angereicherten Lebensmitteln abdecken, nehmen von einigen Vitaminen und Mineralstoffen ein Vielfaches der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) auf. Wie dieser Mix das Zusammenspiel von Nährstoffen im Körper beeinflusst, ist weitgehend unbekannt. Da angereicherte Kinderlebensmittel meist gleichzeitig viel zugesetzte Zucker enthalten, drängt sich der Gedanke auf, diese Produkte sollen durch Vitamine und Mineralstoffe für den Käufer aufgewertet werden.

Ø      Kinderlebensmittel sind zum Teil erheblich teurer als vergleichbare Normalprodukte und aufwendig in kleinen Portionen verpackt. Sie tragen damit zur Umweltbelastung bei und erziehen Kinder zu einem Ex-und-hopp-Konsum.

Fazit

Aus ernährungsphysiologischen Gründen sind spezielle Kinderlebensmittel nicht notwendig, sondern eher ungünstig. Ihre Zusammensetzung spiegelt das Verzehrsmuster wider, das heute bei Kindern anzutreffen ist: zu fett, zuviel gesättigte Fettsäuren, zuviel Zucker, zu wenig komplexe Kohlenhydrate und Ballaststoffe. Der Grundstein für ernährungsabhängige Krankheiten wie Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen wird damit schon im Kindesalter gelegt. Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland etwa jedes fünfte Kind Übergewicht hat, soll auf Kinderlebensmittel besser verzichtet werden.

Der Nährstoffbedarf der Kinder wird über eine abwechslungsreiche Ernährung mit frischen Lebensmitteln weit besser gedeckt. Zu diesem Ergebnis kommt auch die STIFTUNG WARENTEST bei ihrem Vergleich von Kinderlebensmittel gegen „Selbstgemachtes“. Als Maßstab diente die „optimierte Mischkost“, ein Konzept für eine gesunde Kinderernährung, entwickelt vom Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund.

Außerdem gewöhnen sich Kinder an den Einheitsgeschmack der aromatisierten Kinderlebensmittel. Besser wäre es, das Geschmacksempfinden der Kinder zu fördern, damit sie für den Eigengeschmack natürlicher Lebensmittel empfänglich sind und diesen schätzen.

Kinder brauchen keine speziellen Kinderlebensmittel und bieten keinerlei Vorteile für eine kindgerechte Ernährung.

Jogurt mit Brauseperlen, Bärchenwurst oder Schokolade mit der „Extraportion Milch“ –  die Palette der Lebensmittel, die speziell für Kinder entwickelt werden, hat sich in den letzten Jahren vervielfacht.

 
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